30 Jahre Wiedervereinigung – Eine Erfolgsgeschichte? Zeitzeugengespräch am Gymnasium Wildeshausen

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v. l. n. r.   Steffen Wenigerkind, Stephie Rasche, Anja Kramer, Axel Meentzen
v. l. n. r. Steffen Wenigerkind, Stephie Rasche, Anja Kramer, Axel Meentzen [Zum Vergrößern anklicken]

Das wiedervereinigte Deutschland wird am 3. Oktober 30 Jahre alt. Grund genug für ein Zeitzeugengespräch vor den Schülerinnen und Schülern in der Sekundarstufe II, die coronabedingt in drei getrennten Kohorten der von Stephie Rasche moderierten Unterhaltung beiwohnen konnten.

Thematische Schwerpunkte

  • Wie haben die Zeitzeugen den Mauerfall und die Wiedervereinigung erlebt?
  • Wie war vor 1989 der Blick auf das jeweils andere Deutschland?
  • Inwieweit ist der Vereinigungsprozess eine Erfolgsgeschichte?
  • 2020: Gibt es heute noch eine „Mauer in den Köpfen“?
  • Ausblick: Wie sieht das wiedervereinigte Deutschland in 30 Jahren aus?

Eingeladen war Steffen Wenigerkind, der kurz vor dem Fall der Mauer aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen war und den Mauerfall bei seinen Verwandten in Bremen erlebte. Er berichtete über seine Jugend in der DDR. Neben Sport ging es ihm um Musik, Mode und Mädchen; also kein Unterschied zu Jugendlichen im Westen. Gleichzeitig eckte er aber zunehmend beim Regime an, was sich darin dokumentierte, dass die Stasi eine umfangreiche Akte über ihn angelegt hat. Aus dieser zitierte Wenigerkind: Die von einem ehemaligen Schulfreund (!) verfassten Berichte, in denen seine Charaktereigenschaften beschrieben wurden, waren ein Höhepunkt der Veranstaltung. Unser Gast berichtete auch über seine drei Fluchtversuche mit zwischenzeitlicher Inhaftierung und seine ersten Eindrücke in der Bundesrepublik.

Anja Kramer ist auch in der DDR aufgewachsen und sie erlebte die „Wende“ als Studentin in Leipzig. Im Zusammenspiel mit Wenigerkind stellt sie den Oberstufenjahrgängen sehr typische Erlebnisse aus der DDR vor. Hierzu gehörten neben der Bespitzelung aber auch die ganz normalen Seiten. Auch in der DDR konnte man eine schöne Kindheit und Jugend verleben, so Kramer. Beide kommen ursprünglich aus Thüringen und konnten sehr eindrucksvoll den wirtschaftlichen Niedergang ganzer Regionen in den 90er Jahren beleuchten. So hat z.B. die Stadt Apolda in nur wenigen Jahren 30 % der Einwohner verloren. Besonders junge Menschen und Familien sind in die alten Bundesländer gezogen. Vergreisung, Armut und Tristesse waren die Folge

Axel Meentzen erlebte die Wende als Westdeutscher quasi vom Sofa aus der sicheren Zuschauerperspektive. Die DDR hat sich der Bundesrepublik angeschlossen und für die allermeisten Menschen im Westen hat sich eigentlich nichts verändert. Die Umwälzungen in Osteuropa markierten aber auch das Ende des Ost-West-Konflikts und somit auch der Bedrohung durch die Atomraketen der Supermächte. Meentzen und Wenigerkind dienten fast zeitgleich in den beiden deutschen Armeen. Die Vorstellung, dass sie im Kriegsfall aufeinander hätten schießen müssen, wirkt heute unvorstellbar. Aber dies war nun einmal die Realität vor der deutschen Wiedervereinigung.

Was bleibt ist die Frage, inwieweit die Vereinigung eine Erfolgsgeschichte ist. Alle Zeitzeugen sind sich einig, dass es zwar durchaus – vor allem im Osten - Verlierer gab, die meisten Deutschen aber Freiheit und Sicherheit gewonnen haben und viele Wünsche erfüllt wurden. Steffen Wenigerkind hob abschließend voller Dankbarkeit hervor:

„Ich lebe meinen Traum“.


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